Im Bann der Bienen

Zugeflogenes Glück

Als wir mit Ferdl Herburger seine Bienenkästen in Sulzberg besichtigen, erfüllt ein leises Summen den milden Tag und der Duft von Wachs mischt sich in die klare Herbstluft. In dieser fast magischen Stimmung fesselt uns der erfahrene Imker sofort mit seiner Geschichte.

Kappe, Halstuch, Handschuhe, lange Ärmel und feste Hosen – für unseren Besuch bei Ferdl Herburger auf seinemHof in Sulzberg haben wir uns extra dick eingepackt. Er begrüßt uns herzlich undschmunzelt gleich  ein wenig über unseren Aufzug. „Ich hab mich ja früher auch vor Bienen gefürchtet“, lacht er, „bis mir 1998 ein Volk zugeflogen ist …“ Und damit ist Ferdl schon mitten in der Erzählung: Imker ist er nämlich nur aus Zufall geworden. Mit den zugeflogenen Bienen wusste die Familie auf dem väterlichen Hof zunächst nichts anzufangen. Aber ein befreundeter Imker eilte zu Hilfe, schöpfte den Schwarm und nahm ihn mit. Als sich schon Erleichterung in der Familie breitgemacht hatte, tauchte der Imker am nächsten Tag gleich nach dem Frühstück auf und brachte die neue Beute mit. „‚Jetzt bischt Imker, Josef‘, hat er zu meinem Papa gesagt. Aber der hat gleich mich angestellt, die Bienen zu füttern, denn er wollte sich nicht verstechen lassen.“ Das wollte Ferdl auch nicht. Eingepackt in Handschuhe und Mütze und mit einem improvisierten Bienenschleier über dem Kopf wagte er sich unter Todesangst zum Bienenkasten vor: „Vollkommen umsonst – der Kasten hatte oben ein Glas, sie hätten mich also gar nicht stechen können.“ Zweimal noch nahm er all seinen Mut zusammen und fütterte das Volk, dann vergaß er es für viele Wochen. Der befreundete Imker allerdings nicht: „Im September stand er wieder da, hat den Honig geschleudert und neun Kilo Ertrag gehabt. Das hat mich schwer beeindruckt, denn Honig war immer schon kostbar!“ Auch Papa Josef meinte, dass ein zweites Standbein für Ferdl gut wäre, denn die Landwirtschaft sei zu klein für sie beide. Der Plan für die Imkerei stand fest, aber dann … überlebte das Volk den Winter nicht.

HARTE SCHULE

Seit diesem ersten Versuch hat Ferdl natürlich viel dazugelernt. „Ich hab Bücher gelesen, Völker gekauft, den Imkermeister gemacht, aber das meiste lernt man von den Bienen selbst.“ Inzwischen weiß er genau, was seine Bienen im Herbst brauchen, denn dann entscheidet sich, ob sie gut durch den Winter kommen. Wichtig ist vor allem, den größten Schädling, die Varroa-Milbe, einzudämmen. Das ist ihm b’sundrig wichtig, denn für ihn steht das Wohl der Tiere an erster Stelle. Das gilt auch fürs Zufüttern: Die Winterzeit, in der uns der Honig selbst am besten schmeckt, ist für Bienen nämlich eine Ruhezeit. Damit sie trotzdem genug zu fressen haben, füllt Ferdl Zuckersirup in die Futterzarge, die er in die Magazinbeute, also in den typischen Holzkasten der Imker, einbaut. So haben die Bienen auch dann noch genug Futter, wenn es draußen zu kalt zum Fliegen ist.

Der Winter ist für Imker*innen zwar ruhiger, aber langweilig wird Ferdl trotzdem nicht: Honig abfüllen, den Verkauf organisieren und Reparaturarbeiten durchführen. Außerdem kontrolliert er die  Magazinbeuten seiner 240 Völker in der kalten Jahreszeit von außen auf Geräusche, Gewicht und Räuberei (also Bienen eines fremden Volkes, die Honig stehlen). Hineingeschaut wird nur im äußersten Notfall, damit die Bienen keine Wärme verlieren. Sie selbst leben zu diesem Zweck in einer Winterkugel und fahren die Temperatur so weit wie möglich herunter, um Energie zu sparen. Damit der Bienenstock trotzdem bei etwa 14 °C bleiben kann, glühen ihn einzelne Heizbienen auf. Sie wandern mit summenden Flügeln an der
Außenseite der Kugel herum, bis sie „verheizt“ sind. Dann haben sie alles für ihr Volk gegeben und fallen erschöpft ab.

BABYBOOM

Die Winterruhe im Bienenstock gilt vom 1. Oktober bis zur ersten warmen Woche im Jänner oder Februar. Ab etwa fünf Grad fangen die Bienen nämlich schon zu brüten an. „Babyboom …“, lacht Ferdl, „und zehn Wochen danach bilden sich die ersten Schwärme.“ Dafür werden im Stock neue Königinnen herangezogen. Gerade wenn die Blüte in vollem Gang ist, nimmt sich die alte Königin etwa die Hälfte des Volkes und schwärmt aus, um ein neues Zuhause zu finden. „Als Imker weiß man das natürlich zu verhindern, sonst wären auf einen Schlag 10.000 Bienen weg. Das würde den Honigertrag halbieren.“

Da interessiert uns natürlich gleich, wie viel Honig die Bienen normalerweise einbringen. „Zuerst geht natürlich der Eigenverbrauch der Bienen selbst weg“, erklärt Ferdl. „Etwa 25 Kilogramm Honig und 20 Kilogramm Pollen braucht ein Volk pro Jahr für sich selbst. Alles, was darüber hinausgeht, kann der Imker ernten.“ Das bedeutet, es gibt Jahreserträge zwischen null und siebzehn Kilogramm pro Volk. „2008 war zum Beispiel ein ganz schlechtes Jahr. Es hat geregnet, gehagelt, gefroren! Und das gerade, als ich Sutterlüty den ersten Honig liefern wollte.“ Wieder sind wir mitten in der Geschichte: Denn Ferdl hat sich vom unglücklichen Ende des ersten Volkes nicht aus dem Konzept bringen lassen, kam von zehn auf 25 und von 25 auf hundert Bienenvölker. Dieser Enthusiasmus hat auch Jürgen Sutterlüty angesteckt, und die Idee vom Sutterlüty’s Honig war geboren: „Wir haben eine mündliche Vereinbarung getroffen – sobald ich Honig habe, liefere ich.“ Bis 2011 waren die Zeiten aber so hart, dass Ferdl keinen Honig entbehren konnte. „Ich hab schon gedacht, das ist gelaufen, aber in den Märkten hat man mit  Sutterlüty’s Waldhonig gleich durchgestartet, als wenn nie Zeit dazwischen gewesen wäre. Das ist wahre Handschlagqualität!“

IMKER AUF WANDERSCHAFT

Der Wendepunkt für Ferdl war die Idee der Wanderimkerei. Seit 2011 zieht er viermal im Jahr in eine andere Tracht: Von der Obstblüte in den Raps, vom Raps in den Löwenzahn, dann in die Tanne oder in die Alpenrose. Auf diese Art ist der Honigertrag gut gesichert – wenn es in einem Gebiet Probleme gibt, gleichen das die anderen meistens gut aus. „Heuer hatte es am Sulzberg beispielsweise erst 12 bis 15 Grad, im Rapsfeld aber schon 18 Grad, wodurch es eine tolle Ernte gab“, erzählt Ferdl stolz. Durch die Wanderimkerei ergeben sich zwei positive Effekte: Zum einen müssen die Bienen in der Zwischenzeit nicht gefüttert werden, sondern bringen Honig ein. Zum anderen haben sie dadurch auch Ressourcen für den Nachwuchs. So sammeln die Jungbienen gleich in der nächsten Tracht Honig und die Brut spart sich eine Erholungspause.

Heuer ist Ferdl sogar ein fünftes Mal gewandert und hat die Lindenblüten ausprobiert. „Unsere Bienen sind immer in Brutlaune, gut gesättigt und zufrieden“, freut sich Ferdl. Natürlich ist die Wanderimkerei auch mit viel Aufwand verbunden. Vor der Wanderung müssen die Beuten vorbereitet werden: Damit sie nicht zu schwer sind, wird der Honig geerntet und durch leere Honigräume ersetzt. Auch das Weiterziehen selbst ist ein wahrer Kraftakt – von neun Uhr abends, wenn alle Bienen wieder im Stock sind, bis morgens um halb sieben hat das ganze Imkereiteam alle Hände voll zu tun. Wenn der nächste Trachtplatz im ausländischen Bodenseeraum ist, muss zusätzlich ein amtstierärztliches Gesundheitszeugnis für die Bienen beantragt werden. Schließlich ist auch die Organisation selbst eine Herausforderung, denn nicht überall werden zusätzliche Beuten geduldet. „Mit einem Wanderstand muss man nämlich mindestens 100 Meter Abstand zu einem Fixbienenstand haben“, erklärt uns Ferdl. Außerdem sollte der Platz für die Bienen passen und die Leute nicht stören.

Inzwischen hat Ferdl längst gute Standplätze gefunden. Trotzdem plädiert er für mehr Toleranz unter den Imker*innen. „Man darf nicht das Gefühl haben, dass man sich etwas wegnimmt. Denn wenn die Tracht gut läuft, gibt es genug für alle. Und läuft es nicht, dann sollte man zusammenhalten.“ In diesem Austausch sind für Ferdl auch schon schöne Freundschaften entstanden – mit Lehrmeister*innen genauso wie mit Neulingen, die bei ihm lernen dürfen.

HONIGZEIT

Wenn Ferdl von der Frühtracht weiterzieht und die vollen Waben in den Honigraum kommen, wird zum ersten Mal geschleudert. Die Mitarbeitenden am Hof filtern den Honig, füllen ihn in Edelstahlkannen und bringen ihn ins Lager. Zum Abfüllen wird der Honig in einer großen Rührmaschine durchgemischt und dann über einen Automaten mit integrierter Waage in Gläser gefüllt. Damit der Blütenhonig im Glas nicht kristallisiert, wird er bei Ferdl cremig gerührt. Apropos Kristallisieren: Je höher der Glukoseanteil ist – typischerweise bei Blütenhonigen –, desto schneller bilden sich größere Kristalle. Billige Honige werden deshalb pasteurisiert und durch ein Nanosieb gepresst, um flüssig zu bleiben. Dadurch verlieren sie aber Aroma und wertvolle Enzyme. Deshalb setzt Ferdl ganz auf schonende Methoden: Während der Blütenhonig auskristallisiert, wird er alle vier Stunden für fünf Minuten in einer speziellen Maschine gerührt. So bleibt der Sutterlüty’s Cremehonig lange Zeit fein und b’sundrig streichfähig. Beim Sutterlüty’s Waldhonig, den die Bienen nicht aus Blütennektar, sondern aus Honigtau herstellen, dauert es mehrere Monate, bis er kristallisiert. „Schlecht wird Honig übrigens nie“, ergänzt Ferdl, „und wer mag, stellt den kristallisierten Honig bei vierzig Grad über Nacht ins Backrohr, dann wird er ganz schonend wieder flüssig.“

LETZTE STÄRKUNG

Ferdl ist Imker aus Leidenschaft und möchte auch andere davon begeistern. „Das Schönste dabei ist, zu wissen, dass man mit seinem Honig vielen eine Freude macht“, sagt er, als wir einen letzten Blick auf die Bienen werfen dürfen. Diese sind Ende September noch fleißig am Sammeln, doch der Honig vom Springkraut bleibt ihnen ganz als Wintervorrat. Dass wir direkt neben den Beuten stehen, stört sie kaum – unsere anfängliche Angst ist längst Respekt gewichen: Beeindruckend, wie diese kleinen Tiere so viel köstlichen Honig zusammentragen! Damit wir den Geschmack des Sommers auch zu Hause genießen können, packt uns Ferdl ein Glas von jeder Sorte ein. Ob uns das allerdings den ganzen Winter reichen wird? Wohl kaum, doch zum Glück gibt’s in Sulzberg genug emsige Bienen, die für ausreichend Nachschub sorgen.