Einfach zum Anbeissen

Sutterlüty's Bio-Äpfel

Bald kullern sie wieder rotbackig aus dem Nikolo-Säckle oder erfüllen im Ofen gebraten das Haus mit ihrem heimeligen Duft nach Zimt, Weihnachten und Vorfreude. Aber wie kann es sein, dass Sutterlüty’s Bio-Äpfel vom Bodensee auch im Winter noch zum Anbeißen sind? Kommen Sie mit, wir machen eine kleine Reise zurück in den Spätsommer.

Es ist ein schöner Tag Anfang September, als wir mit Johannes Bentele von Benteles Biohof in Wellmutsweiler verabredet sind. Der kleine Ortsteil von Tettnang liegt knapp fünf Kilometer Luftlinie vom Bodenseeufer bei Kressbronn entfernt – nahe genug, damit die Äpfel und der Hopfen, die hier angebaut  werden, vom milden Bodenseeklima profitieren. Auch heute ist es angenehm warm und nur ein paar zarte Schleierwolken zieren den Himmel. Um das Haupthaus des Hofes rührt sich nichts. Hündin Fanni jedoch hat uns bemerkt und kommt schwanzwedelnd auf uns zu. Wir folgen ihr und finden zunächst Johannes’ Frau Kerstin und Tochter Mia, die in der Hopfen-Trocknungsanlage alle Hände voll zu tun haben. „De Papa
isch bei de Äpfel“, sagt Mia und deutet in Richtung Westen, wo unmittelbar hinter dem Hof die weitläufigen Apfelgärten beginnen. 23 Hektar werden hier von Familie Bentele biologisch-dynamisch bewirtschaftet, der Hopfen nicht mitgerechnet. Fast 600 Tonnen Äpfel in insgesamt neun Sorten sollen in den kommenden Wochen geerntet werden – unter anderem für Sutterlüty. Topaz, Santana, Jonagold und Elstar von Familie Bentele finden dann bis in den nächsten Frühsommer hinein als Sutterlüty’s Bio-Äpfel frisch und knackig ihren Weg in die Ländlemärkte.

FRISCH VOM BAUM

Tatsächlich finden wir Johannes zwischen den langen Baumreihen, wo er gerade den Reifegrad seiner Äpfel begutachtet. „Der braucht noch ein bisschen“, meint er und dreht eine der rotbackigen Früchte in der Hand hin und her. Die Benteles pflücken nur die reifen Äpfel. Das sorgt für gleichbleibende Qualität. Es bedeutet aber auch, dass das Ernteteam bei jeder Sorte mindestens drei- bis viermal ausrücken muss. Eines dieser Teams besteht aus Nicu und Bianca. Die beiden sind bereits die zwölfte Saison in Wellmutsweiler bei der Ernte dabei. Längst haben auch sie ein Auge dafür entwickelt, welche Äpfel noch ein bisschen Sonne brauchen und welche geerntet werden können.

EIN APFELJAHR IM SCHNELLDURCHGANG

Die Erntezeit ist die arbeitsintensivste Zeit am Hof. Doch auch bis es so weit ist, stecken Johannes, seine Familie und ihr Team viel Arbeit in die Hege und Pflege des Hopfens und ihrer circa 70.000 Apfelbäume. Das Apfeljahr beginnt mit dem Winterschnitt. Von November bis März wird dabei jeder einzelne Baum von Hand zurückgeschnitten. „Früher hieß das Leiter anlegen, raufklettern, schneiden, runterklettern, Leiter zum nächsten Baum – mühsam war das“, erinnert sich Johannes. Heute ersparen zwei elektrische Hebebühnen, die auch bei der Ernte zum Einsatz kommen, den Helfer*innen diese Prozedur. Im Frühjahr dann, wenn die Bäume zu blühen beginnen, tun sie das voller Überschwang. Rund 2.000 Blüten produziert ein Baum. Das ist viel zu viel, denn jeder Baum soll lediglich 100 Früchte hervorbringen. Wenn er alle seine Blüten ausbilden würde, wäre er so ausgelaugt, dass er im nächsten Jahr gar nichts mehr tragen würden. Deshalb müssen die Blüten und später noch einmal die ersten Fruchtansätze ausgedünnt werden. Weil jedoch ohne Bestäubung selbst aus den schönsten Blüten niemals ein Apfel werden würde, finden Bienen und andere Insekten auch nach der Blütezeit zwischen allen Baumreihen auf bunten Blühstreifen ein  abwechslungsreiches Nahrungsangebot.

GUT DING BRAUCHT DÜNGUNG

Apfelbäume sind eine echte Herausforderung für den Boden, immerhin stehen sie 20 bis 30 Jahre an derselben Stelle. Das zwingt auch den Bio-Apfelbauern zu aktivem Pflanzenschutz. „Wir arbeiten mit Gesteinsmehlen, Brennnesseljauche und geringen Mengen an Kupfer und Schwefel“, zählt Johannes auf. Diese Spurennährstoffe sind wichtig für die Pflanzen, zudem halten sie Pilzkrankheiten fern. Der Boden selbst wird angereichert mit Kompost aus Schnittgut, Hopfenlaub und dem Mist der Pferde und der wenigen Rinder, die am Hof leben.

MIT ALLEN WASSERN GEWACHSEN

Auch bei Wind und Wetter überlassen die Benteles ihre Bäume nicht sich selbst: In den heißen Monaten schützen vollflächige Spannnetze vor Hagel, und für ausreichende Bewässerung ist ebenfalls gesorgt. 2021 hat Johannes einen Weiher mit 16.000 Kubikmetern Wasser anlegen lassen, der in Hitzeperioden die Äpfel und den Hopfen versorgt. Doch auch bei spätem Frost ist die Bewässerungsanlage ein Segen, denn ein Kälteeinbruch während der Blüte könnte die gesamte Ernte gefährden. Zwar hat Johannes’ Vater Peter Bentele schon Mitte der 1980er-Jahre am Rand der Apfelgärten Mischhecken gepflanzt, die die Bäume seither gegen den eisigen Ostwind schützen, doch bei Minusgraden reicht das nicht aus. „Sobald die Temperaturen unter null Grad fallen, schaltet sich die Frostschutzberegnung ein“, erklärt Johannes und deutet auf eine der langen Stangen, die alle paar Meter lautsprecherartige Aufsätze in die Höhe halten. Der Wasserfilm bildet eine Eisschicht um die Blüte. Dabei entsteht Kristallisationswärme, die sie vor Frostschäden schützt.

EIN WARMES BAD VOR DEM WINTERSCHLAF

All diese Vorsorge hat dazu beigetragen, dass sich jetzt Kisten um Kisten mit erntefrischen Äpfeln vor uns stapeln. Doch noch immer fragen wir uns: Wie kann es sein, dass die auch zu Weihnachten und sogar bis in den nächsten Juni hinein genauso knackig und frisch wie jetzt in den Sutterlüty Regalen zu finden sind? Das Geheimnis, das eigentlich gar keines ist, liegt in der Lagerung. „ULO“ lautet hier die Zauberformel. Die Abkürzung steht für „Ultra Low Oxygen“ und beschreibt die besonderen Bedingungen in diesen Lagern. Der Sauerstoffgehalt ist auf ein Prozent reduziert, zusätzlich wird der CO2 -Gehalt von 0,02 auf zwei Prozent hochgefahren. Der dritte Faktor ist die Temperatur. Diese liegt je nach Sorte bei ein bis zwei Grad. Das lässt die Äpfel in eine Art Winterschlaf fallen. Vorher allerdings bekommen sie noch ein b’sundriges Bad. „Wir tauchen die Äpfel für zwei Minuten in ein Becken mit exakt 52 °C warmem Wasser“, erklärt Johannes. Das sorgt dafür, dass Pilzsporen auf der Schale abgetötet und die Äpfel im Lager nicht faulig werden

VOM LAGER IN DIE LÄNDLEMÄRKTE

Ob in wenigen Wochen oder einigen Monaten: Es ist eine kurze Reise, die Sutterlüty’s Bio-Äpfel jeden Dienstag von Benteles Biohof bis zu den Sutterlüty Märkten antreten. Trotzdem sind sie bestens vorbereitet, wenn sie den Hof verlassen. Denn erst wenn die Bestellung am Vormittag eingeht, kommen die Äpfel aus dem Lager und von dort direkt in die Waschanlage. Hier werden sie gereinigt und sanft auf Hochglanz gebürstet. Anschließend werden die Äpfel nach ihrer Größe sortiert. In Sutterlüty’s Bio-Apfelkisten allerdings kommen nur die schönsten. Dafür sorgt Mia mit prüfendem Blick auf jede einzelne Frucht. Bei großen Bestellungen gehen ihr Senior*innen aus dem Ort zur Hand. Auch Johannes’ Papa Peter und Mama Monika Bentele sind nach wie vor immer zur Stelle, wenn ihre Hilfe gebraucht wird.

BIO AUS ÜBERZEUGUNG – SEIT ÜBER 40 JAHREN

Benteles haben sich schon immer getraut, Gewohntes zu hinterfragen. Wo man in diesem Betrieb hinschaut, zeigt sich, dass unternehmerisches Denken und umweltorientiertes Handeln in der Landwirtschaft kein Widerspruch sein müssen. Vom Wasserteich bis zur Wärmerückgewinnung, von Holzbau bis Hackschnitzelheizung – vieles, was heute am Hof zum Einsatz kommt, hat Johannes in die Wege geleitet, und auch Tochter Mia zieht bereits kräftig mit an diesem Strang. Doch dass der Hof einer der ältesten Bio-Höfe der Region ist, ist Peter Bentele zu verdanken. Vor 42 hat dieser beschlossen, auf biologisch-dynamische Landwirtschaft umzustellen – obwohl er dadurch zur Selbstvermarktung gezwungen war. „Das war im Nachhinein eine große Chance für uns“, sagt Johannes heute. In Sutterlüty
hat Familie Bentele einen Partner gefunden, der ihre Werte teilt. Derzeit sind Sutterlüty’s Bio-Äpfel in der neuen 3-kg-Steige erhältlich. Für das kommende Jahr sind Tassen mit sechs Stück geplant. Dafür muss allerdings bei Benteles einiges umorganisiert werden, um Platz für eine zusätzliche Packstation zu schaffen. „Aber das packen wir auch noch“, scherzt Johannes. Für uns bedeutet das, dass wir dieses Jahr einfach den einen oder anderen Bio-Bratapfel mehr in den Ofen schieben werden.