Schälchenweise Rotes Glück

Regionalstempel

Taufrisch und still liegt das Erdbeerfeld im Gaißauer Ried in der Dämmerung. Doch nicht lange, denn mit dem ersten Licht zieht das Ernteteam von Karg Erdbeerenbau auf und pflückt die süßen Früchtchen, die es spätestens am nächsten Tag im Ländlemarkt gibt.

 

 

Wer schöne Beeren pflücken möchte, muss früh aufstehen. Deshalb ist das Team von Wolfgang Karg von Kargs Erdbeerenbau in Gaißau an diesem außergewöhnlich frischen Maimorgen schon um sechs auf den Beinen. Auf insgesamt vier Hektar Grund beginnt jetzt die Ernte – und zwar in anstrengender Handarbeit. Während wir uns verfroren den Schlaf aus den Augen reiben, winkt uns Erntehelferin Claudia schon fröhlich zu und zeigt uns, wie man die Beerenstaude behutsam in die Hände nehmen muss, um die reifen Früchte vorsichtig abzubrechen.

Auf den Knien rutscht sie von Pflanze zu Pflanze und pflückt die Beeren direkt in die verkaufsfertigen Schälchen. „Beera tuat ma am Morga früah“, erklärt uns Wolfgang, „denn im Gaißauer Ried hat es in der Nacht etwa acht Grad. Nach der Ernte werden die Beeren praktisch ohne Kühllücke im Kühlhaus zwischengelagert und sind spätestens am nächsten Morgen in perfekter Frische im Ländlemarkt.“

Die landläufige Meinung, die Früchte bräuchten richtig viel Wärme und Sonne, stimmt nämlich nicht ganz. „Die Erdbeere ist eine typische Frühlingsfrucht und braucht die kühlen Nächte genauso wie die warmen Tage mit ein bisschen Sonnenschein.“ Insofern hätte der Saisonstart heuer kaum besser sein können – mit einem sanften Übergang vom Winter in den Frühling und reichlich Sonne ohne Hitze oder Temperaturschwankungen.

SÜSSE LÜGE

„Bei den Beerle gibt’s sowieso ein paar Irrtümer“, klärt uns Wolfgang weiter auf. Denn die vermeintliche Königin der Beeren ist streng genommen gar keine richtige Beere. Botanisch gesehen zählt sie zu den Sammelnussfrüchten und ist in dieser Hinsicht näher mit der Rose verwandt als etwa mit der Heidelbeere, die als echte Beere gilt. Und noch etwas überrascht: Nicht das rote, saftige Fruchtfleisch ist die eigentliche Frucht, sondern die kleinen, gelben Nüsschen auf dem sogenannten Scheinfruchtkörper. Die Erdbeere ist also eine süße Mogelpackung. „Aber für mich bleibt sie royal: pflegeintensiv und a bitzle zickig“, schmunzelt Wolfgang.

Bei Erdbeerenbau Karg braucht sie schließlich extra viel Pflege, denn hier wird konsequent auf Herbizide verzichtet. Auf dem Feld wird also nicht nur geerntet, sondern auch laufend gejätet. Auch faule Früchte werden gleich entfernt, damit die Pflanzen gesund bleiben. Der Pflanzenschutz beginnt übrigens mit der ersten Vegetation Ende Februar – ab diesem Zeitpunkt wird gejätet, gedüngt, gehegt und gepflegt.

Zum Schutz vor Kälte zieht Wolfgang mit seinem Team Niedrigfolientunnel über die Beete.
Doch bei zu viel Sonne kann es darunter schnell zu heiß werden. Dann heißt es: tagsüber öffnen, nachts wieder schließen – und zwar alles von Hand. Kein Wunder also, dass in der Hochsaison dreißig Erntehelfer*innen angestellt sind.

DAS ERSTE LECKERE BEERLE …

… ist einer von Wolfgangs beiden Lieblingsmomenten im Erdbeerjahr – und der andere?
„Das letzte leckere Beerle“, schmunzelt er. Denn in der Erntezeit hat er keine ruhige Minute, und die zieht sich durch den ausgeklügelten Sortenmix von Mitte Mai bis Mitte Juli.
Doch auch danach geht die Arbeit weiter: Die Erdbeeranlagen werden abgebrochen, die Pflanzen ausgerissen.

Auf dem frisch geräumten Feld folgt zuerst immer Dinkel – während ein anderes Feld schon für die neue Anlage vorbereitet wird. Mitte August werden dann die Pflanzen für das nächste Jahr gesetzt, damit sie bis zum Winter noch kräftig wachsen und sich gut entwickeln. Gepflegt wird also fast das ganze Jahr hindurch; nur im Winter hat Wolfgang eine kleine Pause. „Auf dem Hof findet man natürlich immer Arbeit: den Traktor reparieren, die Maschinen warten …“ Trotzdem wird der Hof ab November für mindestens zwei Monate geschlossen, damit nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Bauern genügend Erholung bekommen.

Die neue Saison startet übrigens mit einer gründlichen Bodenanalyse: „Die Bodenvorbereitung ist neben gesunden Pflanzen das A und O beim Anbau. Wenn man weiß, was der Boden reichlich hat und was ihm fehlt, kann man die passenden Pflanzen wählen.“ Deshalb folgen auf ein Erdbeerjahr immer drei Jahre mit Dinkel, Ölrettich oder Mais – so beugt man Krankheiten und Schädlingsbefall auf ökologische Art vor.

VOLLMUNDIGER GENUSS

Zurück am Hof dürfen wir gleich ein paar Erdbeeren probieren – bei der natürlichen Anbauweise können sie ganz ohne Waschen vernascht werden. Was sofort auffällt, sind der weiche Biss und das intensive Aroma. Das liegt an den b’sundrigen Sorten, die es bei Karg gibt. Diese speziellen Züchtungen setzen nicht auf lange Haltbarkeit, sondern auf intensiven Geschmack – perfekt für die Direktvermarktung.

„Weiche Beeren schmecken nämlich immer besser als die festen Früchte von weit her“, meint Wolfgang. Und weil bei regionalem Vertrieb keine langen Transportwege nötig sind, müssen die Beerchen auch keine tagelangen LKW-Fahrten überstehen.

„Statt extra haltbar sind unsere Erdbeeren extra aromatisch und zergehen praktisch auf der Zunge“, bringt es Wolfgang auf den Punkt.

VIELLEICHT LIEBER MORGEN

Ganz erfüllt von den idyllischen Eindrücken der frühmorgendlichen Ernte machen wir uns auf den Weg –im Gepäck ein, zwei Schälchen frischgepflückter Erdbeeren.
Für die gibt uns Wolfgang einen heißen Tipp: „Die Daroyal eignet sich perfekt für Marmelade – super Geschmack; dazu ein tolles Rot, das sich auch lange hält.“

Fast noch besser dafür geeignet sei die Marieka, ergänzt er mit einem Augenzwinkern:
„Die kommt im Juni, leuchtet beinahe dunkelrot und schmeckt einfach himmlisch.“ Wir freuen uns jetzt schon drauf! Auf dem Rückweg duftet es im Auto herrlich nach Erdbeeren. Marmelade? Vielleicht morgen … jetzt wird zuerst genascht!